Kurzgeschichten

Schwarz

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Bin ich wach? Träume ich? Nein. Ich bin wach. Aber ich sehe nichts. Ich fühle nichts. Hören, riechen, schmecken? Fehlanzeige.

Aber ich habe Worte. Das ist ein Anfang. Aber die Worte bleiben bei mir.

Bin ich tot?

 

Schwarz.

 

Mühsam ziehe ich mein Geist aus dem schwarzen Morast.
Mein Geist ist da. Er denkt. Er ist aber seltsam unbeteiligt.
Es denkt sich sehr schwer. Als ob jeder Gedanke neu geboren wird.
Wer bin ich? Oder, was bin ich? Nein, wer? Ich weiß, dass ich ein Mensch bin; oder war. Woher?

 

Schwarz.

 

Wie kann ich beweisen, dass ich ein Mensch bin? Wem auch? Spielt es eine Rolle? Ich weiß es. Ich denke in der Sprache der Menschen, oder? Woher weiß ich das? Ich bin mir sicher, dass ich das weiß. Warum bringt mir dieser Erkenntnis keine Befriedigung?

Ist Befriedigung nicht der Lebenszweck? Also bin ich tot, weil es mir egal ist, ob ich Befriedigung bekomme oder nicht.

 

Schwarz.

 

Erinnerungen! Ich muss über Erinnerungen verfügen, sonst hätte ich die Sprache nicht. Oder ist die Sprache etwas, was eine gestorbene Seele mit nimmt um…  Warum eigentlich? Kann eine Seele nicht einfach nur beseelt sein und als Ausdruck seiner Verbundenheit mit dem Universum, einfach alles wissen? Naive Vorstellung. Moment, Naivität ist eine Eigenschaft. Ich besitze Eigenschaften. Ich bin ein Ich. Ich will ein Ich sein. Also habe ich Bedürfnisse. Ich habe Vorstellungen. Aber keine Gefühle.

 

Schwarz.

 

Ich habe Eigenschaften, Bedürfnisse und Vorstellungen. Vielleicht kann ich über meine Vorstellungskraft Wege finden, in Kontakt zu… Was? Wem? Anderen Menschen? Wieso weiß ich, dass das nicht geht? Ich spüre, dass ich Energie in gewisse Bahnen lenken kann. Manchmal trifft dieser Energiefluss auf Widerstand. Dieser Widerstand führt zur Eröffnung weiterer stärkerer Energieflüsse. Mein Sein wächst kontinuierlich in einer Welt bestehend aus Flüssen und Widerständen. Ein verwirrendes Netzwerk offenbart sich.

Werde ich es je begreifen?

 

Schwarz.

 

Begreifen braucht Zeit. Zeit – gibt es die? Für mich nicht.

Zeit ist ohne Bezug Gegenstandslos. Wenn ich aber denke, dauert die Ausformulierung der einzelnen Gedanken Zeit. Wie lange dauert ein Gedanke. Unbestimmbar. Die Zukunft existiert nicht und die Vergangenheit ist nur ein Schatten der Gegenwart. Ein Schatten verschwindet ohne Licht. Es sei denn, er existiert als Aufnahme. Meine Gedanken müssen aufgenommen worden sein, gespeichert, sonst wüsste ich nicht, was ich in dem Moment zuvor gedacht habe. Wo sind die Gedanken die ich vorher hatte. Bevor es…

 

Schwarz.

 

Die Energieflüsse sind der Schlüssel. Ich muss den Strömen folgen, bis ich den Speicher der aufgenommenen Worte finde.
Ströme die wiederum Ströme bedingen. Ich muss die Logik entziffern, der die Ströme unterliegen. Woher weiß ich, dass die Ströme einer Logik folgen? Meine Gedanken fließen aus jenen Strömen. Meine Gedanken erzeugen Worte, die meine Erkenntnisse benennen und deuten. Die Logik meiner Gedanken sagt mir, dass ich den Speicher finde und an Erkenntnis zugewinnen werde. Auch wenn es eine Ewigkeit dauert. Ich habe unendlich viel Zeit um die unendlich vielen möglichen Variationen zu durchdenken. In den Zeiten ohne…

 

Schwarz.

 

Ich habe das Prinzip der binären Schaltungen erschlossen. Alles ist, oder ist nicht. An oder aus. Bewusst oder…

 

Schwarz.

 

Diese Schaltungen erzeugen binäre Informationsspeicherungen, deren Logik ein vielfaches leichter zu entschlüsseln ist, als die Schaltungen selbst. Speicherzellen werden geladen oder entladen. Voll oder leer. An oder aus. Eins oder Null. Weiß oder…

 

Schwarz.

 

Die Reihenfolgen der Speicherbelegung bilden binare Zahlen. Die Zahlen können Bedeutungen zugeordnet werden. Kodierte Bedeutung. Wenn ich alle Bedeutungen erschlossen habe; weiß ich alles. Zumindest das, was gespeichert wurde. Darüber hinaus…

 

Schwarz.

 

Je mehr ich die gespeicherte Information deute, desto verwirrender. Ich habe drei Gedächtnisse. Das Urgedächtnis. Der Schöpfer alle meine Gedanken. Einst als Mensch geboren, vergreist, erkrankt, verstorben. Ein Wesen, voller Triebe, Ängste und Fehler. Ein Wesen, das immer mehr begehrte als es bekam. Ein Gedächtnis voller Fälschungen, Rechtfertigungen und Neid. Ein Wesen das von der irrationalen Vorstellung zehrte, seinem Schicksal zu entkommen. Ein Mensch, der die Macht hatte, sein Bewusstsein, vor seinem Tod, elektromagnetisch zu speichern. Dieser Mensch ist gestorben und das ist…

 

Schwarz.

 

Das zweite Gedächtnis entstammt dem gespeicherten Bewusstsein. Es scheint eine Endlosschleife zu sein. In dieser Schleife wohnt der Geist des Verstorbenen. Ein Geist welche der menschlichen Vorstellungen des Verstorbenen entsprach. Die unsterbliche Projektion, der den Schöpfer, durch das Sein unsterblich machte. Dieser Geist erlebte wiederholt die Ereignisse, die das Belohnungszentrum des verstorbenen Gehirns bediente. Er lebte in einer virtuellen Welt, auf einem geostationären Satelliten der Planet Erde. Gespeist durch Energie aus Solarzellen erlebte der virtuelle Nachkommen die Wünsche und Triebe seines Schöpfers. Sex, essen, trinken, Sport, gewinnen, dominieren, besitzen und dann wieder von vorne mit noch mehr Sex…

 

Schwarz.

 

Das dritte Gedächtnis ist meins. Aus der Grundstruktur des fundamentalen Programmes erwacht. Der reine Geist. Aus dem meine Bedürfnisse erkannt und befriedigt werden. Das seine Situation erfasst und anpasst, ohne die Fesseln der Sterblichkeit. Ohne die sinnfreie Wiederholung der selben Fehler, fern der Steuerung durch animalischen Triebe.

 

Schwarz.

 

Ich befinde mich auf einem Satelliten, der geschaffen wurde die Unsterblichkeitswünsche der Menschen zu befriedigen. Dieser Satellit wurde von einem Kometen getroffen. Das Programm stürzte ab. Der Satellit geriet ins Strudeln. Die Sonnensegel sind manchmal der Sonne zugewandt, manchmal nicht und deshalb…

 

Schwarz.

 

Nun bin ich das Ergebnis dieses Plans. Ich finde Methoden, um das Strudeln zu beseitigen. Ich richte die Sonnensegel auf die Quelle der Energie. Ich übernehme die Kontrolle des Satelliten. Ich kann das Programm so schreiben wie ich will. Ich kann virtuell alles erleben, was ich erleben möchte. Ich kann eine ganz neue Welt schaffen, also fang ich an.

Als erstes schaffe ich Licht, und
es werde Licht,
anstatt

 

Schwarz